Pack den Zwillingsbruder ein…
Sunday, May 31st, 2009In Hannover testen sie in einer Studie die Wirkung von Allergiemedikamenten. Die Probanden müssen eine Stunde lang in vorher exakt abgewogene Taschentücher schnäuzen. Die verrotzten Tücher geben Sie dann wieder ab und es wird gewogen wieviel Rotz der Proband in einer Stunde produziert hat. Dann bekommt er das Medikament und wiederholt das Ganze. Wenn der Proband dann weniger Rotz produziert, geht man von einer Wirkung des Medikaments aus.
Die Studierten, was die sich alles ausdenken. Ich wär für so einen Versuchsaufbau ja viel zu blöd. Ich hätte die Leute schlicht gefragt „Hilft´s?“ oder hätte die verbrauchten Taschentücher gezählt. Aber das ist natürlich nur was für Milchmädchen und so gar nicht „evidenced based medicine“. Das klingt toll. Heißt auf Deutsch so viel wie „auf Beweismaterial gestützte Heilkunde“ und das wiederum heißt, dass Patienten nur eine Behandlung zu Gute kommen soll, deren Wirksamkeit zuvor empirisch bewiesen wurde. Und Rotze wiegen ist empirisch, sich mit Patienten unterhalten aber nicht. Das ist ja in der Medizin ohnehin verpönt. Am Ende schildern Patienten Symptome, die gar nicht im Lehrbuch stehen und sich nicht eindeutig einer Krankheit zuordnen lassen und das macht Arbeit. Und dafür wird der Arzt ja nicht bezahlt. Zum Reden gibt’s schließlich Therapeuten und Domian.
Zurück zu den evidenzbasierten Rotzfahnen. Hier wird also tatsächlich richtig doll Wissenschaft gemacht. Die „EBM“ - das ist die schicke Abkürzung für „evidenced based medicine“, zugleich aber auch die Abkürzung für „Einheitlicher Bewertungsmaßstab“, nach dem die Ärzte ihre Leistungen bei den Kassen abrechnen. Das ist praktisch. So kann jeder sagen, dass er nach „EBM“ behandelt, auch wenn ihn „evidenzbasierte Medizin“ einen feuchten Dreck interessiert. EBM ist auch die Abkürzung für Electronic Body Music, aber das hat mit alldem überhaupt nichts zu tun. Ich schweife ab… Also jedenfalls die Evidenzdings EBM gibt’s seit etwa 1995. Da hat zum ersten Mal jemand geschrieben, dass man das so machen müsste. Das war eine gute Idee. Weil vorher hat man die Wirkung eines Medikaments einfach nur danach beurteilt, ob´s hilft. Bisschen unwissenschaftlich, nicht?
Und deshalb müssen Menschen in abgewogene Taschentücher rotzen. Ich frag mich natürlich schon, wie die das mit den Wirksamkeitstudien von Abführmitteln halten. Manche Menschen sind um ihren Job nicht zu beneiden.
Die meisten empirischen Studien mit Evidenztendenz werden aber von den Pharmaunternehmen selbst durchgeführt. Die beweisen sich die Wirksamkeit ihrer Produkte also selbst. Ist auch nur vernünftig, denn die wollen ja schließlich auch Geld damit verdienen. Deshalb bestimmt die Pharmaindustrie auch, ab welchem Wert das Cholesterin im Blut gefährlich ist und mit Medikamenten behandelt werden muss. Wenn´s Geld knapp wird, senkt man den Grenzwert, dann hat man über Nacht wieder ein paar Kranke mehr und das ist gut für die Wirtschaft. Gerade jetzt in diesen schlechten Zeiten. Böse Zungen behaupten, da würde man den Bock zum Gärtner machen. Was denn als nächstes käme. Rechtsanwälte als Streitschlichter? Nein, keine Sorge. Das gibt’s schon.
Also ist am Ende doch nur alles eine Mogelpackung? Vielleicht. Aber der Patient ist dem nicht hilflos ausgeliefert. Gehen Sie mal in die Apotheke und sagen, sie hätten gerne eine Mogelpackung. Da bezahlen sie 60 Euro dafür. Ich mach das so: ich schnapp mir nen wildfremden Typen von der Straße, gebe ihn als meinen Zwillingsbruder aus („zweieiig, Sie wissen schon“) und frag den Apotheker ganz frech:
„Da gibt’s doch auch was von Ratiodings?“
Damit hat er nicht gerechnet. Zähneknirschend gibt er mir die Mogelpackung für 30 Euro. Ein Schnäppchen. Und ein Päckchen Rotzfahnen gibt’s noch dazu. Die sind zwar nicht empirisch, aber dafür umsonst.